DIN SPEC 91446

DIN SPEC 91446 – Die
gleiche Sprache sprechen

14. Juli 2022

Ohne Kunststoff kein Leichtbau, keine hochwertigen Lebensmittelverpackungen, keine moderne Medizintechnik. Auf der anderen Seite der Medaille stehen Plastikmüll und geringe Recyclingquoten. Mit klaren Standards und Klassifizierungen für Rezyklate soll die DIN SPEC 91446 die Kreislaufwirtschaft ankurbeln. Wie genau, lesen Sie hier.

Die Bedeutung, die Kunststoffe weltweit gewonnen haben, zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Produktionsmengen. Waren es laut Statista im Jahr 1950 nur 1,5 Millionen Tonnen Kunststoff weltweit, stieg die Menge bis 2019 auf 368 Millionen Tonnen an. Die Ellen Mac Arthur Foundation prognostiziert für das Jahr 2050 gar ein Produktionsvolumen von 1600 Millionen Tonnen. Die Problematik des Materials spiegelt sich ebenfalls in Zahlen wider: Laut dem OECD Outlook for Plastic 2022 produziert die Welt heute doppelt so viel Plastikmüll wie noch vor zwei Jahrzehnten. Der größte Teil davon landet auf Mülldeponien, wird verbrannt oder gelangt in die Umwelt – beispielsweise in die Ozeane. Nur 9 % werden erfolgreich recycelt.

 

Die geringe Recyclingquote hängt mit einer grundlegenden Dysfunktionalität der Kunststoffmärkte zusammen: Hochwertige Rezyklate sind im Durchschnitt teurer als Neuware. Ein wichtiger Grund dafür: das Fehlen anerkannter Standards und Klassifizierungen für Rezyklate auf der Grundlage fundierter Daten. Die neue DIN SPEC 91446 „Klassifizierung von Kunststoff-Rezyklaten durch Datenqualitäts-Niveaus für die Verwendung und den (internetbasierten) Handel“ schließt diese Lücke. Durch sie ist die Klassifizierung von Rezyklaten nach definierten Datenqualitäts-Niveaus (DQL) gegeben. Sie führt eine einheitliche Methodik ein, um Rezyklate zu identifizieren und zu kennzeichnen und gibt Anleitungen für die einheitliche Spezifikation von Kunststoffabfällen vor. So sorgt die neue DIN SPEC 91446 dafür, dass Lieferanten, Händler, Recycler, Entsorger und Kunststoffverarbeiter die gleiche Sprache sprechen.

Das System mit vier Datenqualitäts-Niveaus

Die DIN SPEC 91446 klassifiziert Kunststoff-Rezyklate anhand der verfügbaren Daten des Materials. Je mehr Daten vorliegen, desto besser die Einstufung. Vier Datenqualitäts-Niveaus (Data Quality Level, DQL) sieht die DIN vor. Dabei liegen in Stufe 1 wenig Daten zum betrachteten Rezyklat vor, in Stufe 4 dagegen zahlreiche.

 

Doch um welche Daten geht es dabei? Es geht um Informationen, Eigenschaften und sogenannte optionale Merkmale. Um eine Information handelt es sich laut DIN dann, wenn diese der Dokumentation des Sammel-, Handhabungs- und/oder Recyclingprozesses entnommen wird. Obligatorisch für die DQLs sind beispielsweise die Angabe des Werkstoffs, die Recyclingmethode, der Handelsname des Compounds oder Produkts, das Füllmaterial und die Menge. Die neue DIN beschreibt insgesamt 14 dieser Informationen, die für DQL 4 obligatorisch sind.

 

Bei den Eigenschaften handelt es sich um Materialmerkmale, die durch eine Prüfung nach einer öffentlich zugänglichen und etablierten Norm ermittelt wurden. Das können auch öffentliche unternehmensinterne Normen sein. 10 Eigenschaften – darunter beispielsweise Viskosität, Dichte, Partikelgrößenverteilung – sind für die Stufe 4 des DQL verpflichtend. Darüber hinaus lassen sich den DQL noch optionale Merkmale hinzufügen: Festigkeit, Farbe, Entflammbarkeit, CO2eq. Bis zu 22 dieser optionalen Merkmale sind vorgesehen. Es dürfen jedoch auch mehr sein. Die optionalen Merkmale sind nicht notwendig, um einen DQL zu erreichen. Der Grund: Sie sind zwar für viele, jedoch nicht für alle Anwendungen relevant. Um die Einstufung in eines der vier Datenqualitäts-Niveaus zu erreichen, muss der Hersteller des Rezyklats die beschriebenen Daten in einem Produktdatenblatt erfassen.

 

Ebenfalls ins Produktdatenblatt gehört der Masseanteil Rezyklat im Material, den der Buchstaben R kennzeichnet. Es kann sich um Post Industrial Rezyklat (PIR) oder Post Consumer Rezyklat (PCR) handeln. Ausschlossen ist jedoch wiederverwendetes Material, das in einem konkreten Prozess anfällt und in diesem auch wiederverwertet wird (vergleiche DIN EN ISO 472:2013.06). Fällt bei der Herstellung eines Compounds beispielsweise Off-Spec-Material an und wird dieses dem Prozess wieder zugeführt, enthält das finale Material entsprechend keinen Rezyklatanteil. Diese Regelung beugt dem sogenannten Greenwashing vor.

 

Zum Masseanteil Rezyklat gemäß der neuen DIN SPEC gehören neben der Polymermatrix auch die Füllstoffe. Das in einem Farbmasterbatch enthaltene Polymer darf jedoch nur dann dem rezyklierten Anteil zugerechnet werden, wenn die Charge auch ein Rezyklat als polymeren Träger enthält. Wie die konkrete Berechnung des Rezyklatanteils für eine spezifische Materialzusammensetzung funktioniert, beschreibt die DIN anhand von Beispielen ausführlich.

Klarheit auf den ersten Blick mit einem Etikett

Liegt das Produktdatenblatt und die Zuordnung in ein DQL gemäß DIN SPEC 91446 vor, sollte das auf einen Blick erkennbar sein. Das Mittel der Wahl: Ein gut sichtbares Etikett auf der Materialverpackung. Die wichtigsten Fakten sind so sofort zu erkennen: Datenqualitäts-Niveau, Werkstoff, Recyclinganteil, Beschaffenheit, Herkunft (Post Consumer oder Post Industrial Rezyklat), CO2eq, Farbe und mehr.

 

Und so soll das Etikett aussehen:

Für sämtliche Akteure entlang der Wertschöpfungskette bieten die Werkstoffinformationen auf Grundlage der neuen DIN SPEC 91446 eine zuverlässige Basis. Verarbeiter wissen, was sie einsetzen. Händler wissen, was sie verkaufen. Und Recycler wissen, welche Informationen sie bereitstellen müssen. Die Akzeptanz für einen höheren Rezyklateinsatz in Produkten soll damit steigen.

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DIN SPEC 91446 Hinweis
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DIN SPEC 91446 – Die gleiche Sprache sprechen

14. Juli 2022

Ohne Kunststoff kein Leichtbau, keine hochwertigen Lebensmittelverpackungen, keine moderne Medizintechnik. Auf der anderen Seite der Medaille stehen Plastikmüll und geringe Recyclingquoten. Mit klaren Standards und Klassifizierungen für Rezyklate soll die DIN SPEC 91446 die Kreislaufwirtschaft ankurbeln. Wie genau, lesen Sie hier.

Die Bedeutung, die Kunststoffe weltweit gewonnen haben, zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Produktionsmengen. Waren es laut Statista im Jahr 1950 nur 1,5 Millionen Tonnen Kunststoff weltweit, stieg die Menge bis 2019 auf 368 Millionen Tonnen an. Die Ellen Mac Arthur Foundation prognostiziert für das Jahr 2050 gar ein Produktionsvolumen von 1600 Millionen Tonnen. Die Problematik des Materials spiegelt sich ebenfalls in Zahlen wider: Laut dem OECD Outlook for Plastic 2022 produziert die Welt heute doppelt so viel Plastikmüll wie noch vor zwei Jahrzehnten. Der größte Teil davon landet auf Mülldeponien, wird verbrannt oder gelangt in die Umwelt – beispielsweise in die Ozeane. Nur 9 % werden erfolgreich recycelt.

 

Die geringe Recyclingquote hängt mit einer grundlegenden Dysfunktionalität der Kunststoffmärkte zusammen: Hochwertige Rezyklate sind im Durchschnitt teurer als Neuware. Ein wichtiger Grund dafür: das Fehlen anerkannter Standards und Klassifizierungen für Rezyklate auf der Grundlage fundierter Daten. Die neue DIN SPEC 91446 „Klassifizierung von Kunststoff-Rezyklaten durch Datenqualitäts-Niveaus für die Verwendung und den (internetbasierten) Handel“ schließt diese Lücke. Durch sie ist die Klassifizierung von Rezyklaten nach definierten Datenqualitäts-Niveaus (DQL) gegeben. Sie führt eine einheitliche Methodik ein, um Rezyklate zu identifizieren und zu kennzeichnen und gibt Anleitungen für die einheitliche Spezifikation von Kunststoffabfällen vor. So sorgt die neue DIN SPEC 91446 dafür, dass Lieferanten, Händler, Recycler, Entsorger und Kunststoffverarbeiter die gleiche Sprache sprechen.

Das System mit vier Datenqualitäts-Niveaus

Die DIN SPEC 91446 klassifiziert Kunststoff-Rezyklate anhand der verfügbaren Daten des Materials. Je mehr Daten vorliegen, desto besser die Einstufung. Vier Datenqualitäts-Niveaus (Data Quality Level, DQL) sieht die DIN vor. Dabei liegen in Stufe 1 wenig Daten zum betrachteten Rezyklat vor, in Stufe 4 dagegen zahlreiche.

 

Doch um welche Daten geht es dabei? Es geht um Informationen, Eigenschaften und sogenannte optionale Merkmale. Um eine Information handelt es sich laut DIN dann, wenn diese der Dokumentation des Sammel-, Handhabungs- und/oder Recyclingprozesses entnommen wird. Obligatorisch für die DQLs sind beispielsweise die Angabe des Werkstoffs, die Recyclingmethode, der Handelsname des Compounds oder Produkts, das Füllmaterial und die Menge. Die neue DIN beschreibt insgesamt 14 dieser Informationen, die für DQL 4 obligatorisch sind.

 

Bei den Eigenschaften handelt es sich um Materialmerkmale, die durch eine Prüfung nach einer öffentlich zugänglichen und etablierten Norm ermittelt wurden. Das können auch öffentliche unternehmensinterne Normen sein. 10 Eigenschaften – darunter beispielsweise Viskosität, Dichte, Partikelgrößenverteilung – sind für die Stufe 4 des DQL verpflichtend. Darüber hinaus lassen sich den DQL noch optionale Merkmale hinzufügen: Festigkeit, Farbe, Entflammbarkeit, CO2eq. Bis zu 22 dieser optionalen Merkmale sind vorgesehen. Es dürfen jedoch auch mehr sein. Die optionalen Merkmale sind nicht notwendig, um einen DQL zu erreichen. Der Grund: Sie sind zwar für viele, jedoch nicht für alle Anwendungen relevant. Um die Einstufung in eines der vier Datenqualitäts-Niveaus zu erreichen, muss der Hersteller des Rezyklats die beschriebenen Daten in einem Produktdatenblatt erfassen.

 

Ebenfalls ins Produktdatenblatt gehört der Masseanteil Rezyklat im Material, den der Buchstaben R kennzeichnet. Es kann sich um Post Industrial Rezyklat (PIR) oder Post Consumer Rezyklat (PCR) handeln. Ausschlossen ist jedoch wiederverwendetes Material, das in einem konkreten Prozess anfällt und in diesem auch wiederverwertet wird (vergleiche DIN EN ISO 472:2013.06). Fällt bei der Herstellung eines Compounds beispielsweise Off-Spec-Material an und wird dieses dem Prozess wieder zugeführt, enthält das finale Material entsprechend keinen Rezyklatanteil. Diese Regelung beugt dem sogenannten Greenwashing vor.

 

Zum Masseanteil Rezyklat gemäß der neuen DIN SPEC gehören neben der Polymermatrix auch die Füllstoffe. Das in einem Farbmasterbatch enthaltene Polymer darf jedoch nur dann dem rezyklierten Anteil zugerechnet werden, wenn die Charge auch ein Rezyklat als polymeren Träger enthält. Wie die konkrete Berechnung des Rezyklatanteils für eine spezifische Materialzusammensetzung funktioniert, beschreibt die DIN anhand von Beispielen ausführlich.

Klarheit auf den ersten Blick mit einem Etikett

Liegt das Produktdatenblatt und die Zuordnung in ein DQL gemäß DIN SPEC 91446 vor, sollte das auf einen Blick erkennbar sein. Das Mittel der Wahl: Ein gut sichtbares Etikett auf der Materialverpackung. Die wichtigsten Fakten sind so sofort zu erkennen: Datenqualitäts-Niveau, Werkstoff, Recyclinganteil, Beschaffenheit, Herkunft (Post Consumer oder Post Industrial Rezyklat), CO2eq, Farbe und mehr.

 

Und so soll das Etikett aussehen:

Für sämtliche Akteure entlang der Wertschöpfungskette bieten die Werkstoffinformationen auf Grundlage der neuen DIN SPEC 91446 eine zuverlässige Basis. Verarbeiter wissen, was sie einsetzen. Händler wissen, was sie verkaufen. Und Recycler wissen, welche Informationen sie bereitstellen müssen. Die Akzeptanz für einen höheren Rezyklateinsatz in Produkten soll damit steigen.

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